Neue Regierung und Schweizer Minarettverbot. Diskussionen auf der 39. Recklinghäuser Tagung
„Nach der Europa- und Bundestagswahl – ist eine andere Migrations- und Integrationspolitik in Europa zu erwarten?“ war das Thema der inzwischen 39. Recklinghäuser Tagung der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) Anfang Dezember 2009.
Der Koalitionsvertrag bleibe weit hinter
den Erwartungen seiner Gewerkschaft
zurück – so Giovanni Pollice, Leiter der
Abteilung Ausländische ArbeitnehmerInnen/
Migration bei der IG BCE in seiner
Grundsatzrede. Überall da, wo es
um eine Verbesserung der rechtlichen Situation
von Einwanderern gehe, seien
nur „vage Absichtserklärungen“ zu finden.
Besonders bedauerte er, dass der
Optionzwang für Kinder ausländischer
Eltern, die nach dem Staatsangehörigkeitsrecht
mit der Volljährigkeit für eine
Staatsbürgerschaft entscheiden müssen,
nicht abgeschafft wurde.
Wie nicht anders zu erwarten, spielte –
obwohl nicht unmittelbar zum Thema
gehörig – das in der Schweiz per Volksabstimmung
beschlossene Minarettverbot
eine Rolle in der Diskussion. Bei aller
Emotion – so der sozialdemokratische
Europaabgeordnete Martin Schulz – sei
die Debatte über den Islam in Deutschland
im Vergleich etwa zu den Niederlanden
„relativ zivilisiert“. Sein Schluss:
Wer mit Ängsten spiele, um seine eigene
politische Position zu stärken sei „ein gefährlicher
Demagoge, gegen den alle
Demokraten kämpfen müssen“.
Auch er – so der stellvertretende Fraktionsvorsitzende
der Union, Wolfgang
Bosbach – hätte sicherlich nicht für ein
Minarettverbot gestimmt. Allerdings
müsse man Ängste von Menschen ernst
nehmen, die vor allem in Ballungsräumen,
zum Beispiel in dem Treppenhaus
eines Mehrfamilienhauses nicht mehr
verstehen, was die Leute sagen, weil da
nicht mehr Deutsch gesprochen werde.
Die Journalistin Cigdem Akyol stellte die
Gegenfrage, was denn mit den Ängsten
der Muslime sei – es werde immer nur
über die Ängste der Mehrheitsgesellschaft
gesprochen.
Die Sorgen der Muslime in Deutschland müssten ernst genommen werden – so Giovanni Pollice: „Schließlich haben die allermeisten von ihnen ebenso wenig mit Terror und Scharia im Sinn wie andere Europäer." Für die IG BCE gelte: „Gegen Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit findet man uns immer in der ersten Reihe.
