Es gibt Überfremdungsängste und Vorurteile: Interview des Evangelische Pressedienstes mit Giovanni Pollice
Im Herbst dieses Jahres wird der Verein „Mach meinen Kumpel nicht an!“ 25 Jahre alt. Der Evangelische Pressedienst (epd) stellte deshalb Anfang des Jahres den Kumpelverein ausführlich vor. Ein Teil der Berichterstattung war ein Interview mit dem Vorsitzenden des Vereins, Giovanni Pollice, das wir im Folgenden abdrucken.
epd: Der „Kumpelverein“ besteht seit nunmehr 25 Jahren. Ist Deutschland in dieser Zeit fremdenfreundlicher geworden?
Pollice: Wenn man von den Rechtsextremen absieht, die sicherlich nicht zu unterschätzen sind, ist Deutschland kein fremdenfeindliches Land. Aber die Debatte zu Thilo Sarrazins Thesen zeigt, dass es in der deutschen Bevölkerung große Überfremdungsängste und Vorurteile gibt. Wir müssen alle gesellschaftlichen Gruppierungen einbeziehen, wenn wir eine gemeinsame Gestaltung unseres Zusammenlebens erreichen wollen.
epd: Was bereitet Ihnen mehr Sorge: Ausgrenzung am Arbeitsplatz oder die Zunahme von Ressentiments gegen Ausländer in der Gesellschaft?
Pollice: Mir bereitet sowohl das eine als auch das andere Sorge. Die Gewerkschaften, mit denen wir als „Kumpelverein“ eng zusammen arbeiten, haben in den Betrieben mehr Möglichkeiten, etwas gegen Vorurteile zu tun. So wurden etwa viele Betriebsvereinbarungen „Partnerschaftliches Verhalten am Arbeitsplatz“ abgeschlossen, die Diskriminierung verhindern können. Große Sorge bereitet mir die weit verbreitete ablehnende Einstellung gegenüber Muslimen. Deren große Mehrheit versteht sich als Teil dieser Gesellschaft. Aber immer noch stoßen viele an Grenzen, die ihnen signalisieren: „Ihr gehört nicht dazu! Wir wollen Euch nicht!“
epd: Tut die Politik genug, um Zivilcourage gegen Fremdenfeindlichkeit zu fördern?
Pollice: Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, die den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft sichern und gleichzeitig unterschiedlichen kulturellen Identitäten, Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Es geht darum, Migration demokratisch zu gestalten, statt sich dieser Realität zu verweigern. In einer globalisierten Welt können politische Konzepte, die auf Abschottung und Abgrenzung setzen, die sozialen und ökonomischen Probleme unserer Gesellschaft nicht mehr lösen.
