Eine Woche nach der Schweigeminute: „Die Veranstaltung hat mich berührt“
Giovanni Pollice, Vorsitzender des Kumpelvereins und Leiter der Abt. Migration/Integration beim Hauptvorstand der IG BCE, war (als zweiter Gewerkschafter neben dem DGB-Vorsitzenden Michael Sommer) Teilnehmer am Staatsakt der Bundesregierung zum Gedenken an die von der neonazistischen Terrorbande NSU Ermordeten.
Giovanni Pollice berichtet:
Die Veranstaltung hat mich sehr beeindruckt und berührt - und ganz sicherlich nicht nur mich: Während der gesamten Veranstaltung herrschte im Saal des Konzerthauses völlige Stille. Applaudiert wurde erst als zwei Angehörige der Ermordeten geredet hatten.
Ich finde, dass die Bundeskanzlerin eine gute Rede gehalten hat. Wenn sie sagt, dass diese Verbrechen auch ein Angriff auf unser Land waren, dann kann ich dem nur zustimmen.
Tief bewegt hat mich die Haltung der Angehörigen der Ermordeten, die in bewegenden Reden ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht haben.
Der Vater eines Ermordeten schilderte, wie sein Sohn in seinen Armen starb. Er dankte für das Angebot finanzieller Unterstützung, betonte aber, Geld wolle seine Familie nicht annehmen. Sie bitte vielmehr um seelischen Beistand. Vor allem wünscht er sich, dass die Mörder und ihre Hintermänner gefasst und verurteilt werden. Er äußerte sein volles Vertrauen in die deutsche Justiz.
Die Tochter eines Neonazi-Opfers sagte: „Wir konnten nicht in Ruhe trauern, wir durften nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein. Immer gab es den Verdacht, dass doch jemand aus der Familie verantwortlich sein könnte - oder dass mein Vater ein Krimineller war.“ Jetzt habe sie immerhin Gewissheit, aber das sei wenig beruhigend. „Ich habe mir nie über Integration Gedanken gemacht“, sagte sie. Jetzt quäle sie die Frage, ob sie in Deutschland noch Zuhause sei. „In unserem Land, in meinem Land muss sich jeder frei entfalten können“, sagte sie zum Schluss. Sie wolle nicht gehen. Nur der Zusammenhalt aller könne die Lösung sein.
