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Wir stehen für eine freiheitliche und tolerante Gesellschaft: Interview mit Frank Richter, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Nordrhein-Westfalen

19.06.2012


Dieser Beitrag wurde der Publikation "Aktiv + Gleichberechtigt Juni 2012" entnommen.

aktiv + gleichberechtigt: Die GdP in Nordrhein-Westfalen möchte sich stärker im Kumpelverein engagieren. Kannst du mir ein paar Motive dafür nennen?

Frank Richter: Zunächst einmal ist „Mach meinen Kumpel nicht an“ eine der ältesten gewerkschaftlichen Initiativen. Für die lohnt es sich zu engagieren. Und natürlich haben unsere Kolleginnen und Kollegen es immer wieder einmal mit Intoleranz und Rassismus zu tun – nicht intern, aber bei Menschen, mit denen sie in der alltäglichen Arbeit als Gegenüber zu tun haben. Und wenn wir im Alltag auf Rassismus treffen, ist klar: Dem kann man nicht allein mit polizeilichen Mitteln begegnen. Deshalb wollen wir als Gewerkschaft der Polizei zeigen, dass wir auch gesellschaftlich etwas dagegen tun wollen.

Ihr habt auch im März im Bundesvorstand einen Beschluss zum Rechtsradikalismus gefasst…

Ja. Ich habe mich lange sehr dafür eingesetzt. Ich halte das für einen wichtigen Punkt.

Ihr stellt in eurem Beschluss zehn Forderungen auf. In der siebten Forderung heißt es sinngemäß: Soziale Desintegration, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und soziale Ängste sind ein Nährboden für Rechtsextremismus, auch deshalb setzt sich die GdP für gesetzlichen Mindestlohn und gegen Lohndumping ein. Das hat mit polizeilicher Arbeit zunächst einmal nichts zu tun...

…indirekt schon. Wir können nämlich als Seismograph dienen. Wir erleben die Auswirkungen von sozialer Ausgrenzung. Unsere Kolleginnen und Kollegen spüren, wenn sich die Stimmung in bestimmten Wohnquartieren verändert, weil der Druck auf die Menschen wächst. Mögliche Folgen kann man polizeilich abarbeiten, nicht aber die Ursachen. Hier geht es um gesellschaftliche Aufgaben, und da wollen wir uns auch einbringen.

Ihr habt in eurer täglichen Arbeit weniger da zu tun, wo alles glatt läuft, sondern da, wo es Konflikte gibt. Konflikte können sich auch aus unterschiedlichen kulturellen Prägungen ergeben. Ist es dann von Vorteil, wenn die Polizei genau so interkulturell zusammengesetzt ist, wie die Bevölkerung?

Grundsätzlich hilft das. Das beginnt natürlich schon mit der Sprache. Und wir für uns lernen etwas über andere kulturelle Hintergründe und wir lernen Respekt füreinander und vor anderen Kulturen. Diese Sensibilität ist schon sehr wichtig, auch für unsere Arbeit. Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen bemüht sich darum – und da unterstützen wir den Innenminister –, dass wir mehr Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund einstellen. Aber das gelingt nicht immer in dem Maße, wie wir uns das vorstellen.

In NRW wurden ja auch bislang schon eine Reihe von Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt. Wie sind eure Erfahrungen mit diesen Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund?

Zunächst muss man natürlich wissen, dass in NRW seit geraumer Zeit Abitur eine Einstellungsvoraussetzung bei der Polizei ist. Die Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund, die neu hinzukommen, sind also integriert – nicht nur was die Sprachkenntnisse angeht.

Das Zusammenleben und Zusammenarbeiten von Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlicher kultureller Herkunft ist bei uns eigentlich kein Thema – und das finde ich schön. Ich glaube, wenn wir Menschen danach beurteilen, wie sie sind und nicht wo sie herkommen, ist Integration zumindest weitgehend erreicht. Und das funktioniert – nicht immer perfekt, aber es ist der normale Alltag. Nicht zu fragen, wo jemand herkommt, sondern wie er sich verhält, hat auch etwas mit der Geschichte Nordrhein-Westfalens zu tun, zumindest des Ruhrgebiets. Hier läuft Integration seit bald 200 Jahren. Die Menschen haben Wurzeln in Polen, in Ostpreußen und wo auch immer, „reiner Nordrhein-Westfale“ ist doch praktisch kaum einer. Und heute sind Menschen dazugekommen, die spanische, italienische oder türkische Wurzeln haben. Und all diese Wurzeln haben auch unsere Kolleginnen und Kollegen bei der Polizei. Integration ist für uns kein Thema, sondern Alltag. Wenn man das so sagen kann, ist das schon ein Optimum... Deshalb haben wir uns auch lange überlegt, wie wir mit der „Gelben Hand“ umgehen. Die Aufforderung „Mach meinen Kumpel nicht an!“ kommt ja aus den Erfahrungen in den Betrieben. Intern ist das aber nicht unser Problem. Um das noch einmal zu sagen: Wenn der Kollege in Ordnung ist, ist es egal ob er Migrationshintergrund hat oder nicht. Und wenn er eine Flachpfeife ist, ist er eine Flachpfeife, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Aber wir sehen natürlich, dass es Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit gibt und haben in der Arbeit auch damit zu tun. Aber – und auch da wiederhole ich mich: Mit polizeilichen Mitteln – so wichtig sie bei einem konkreten Anlass sind – können wir die Ursachen nicht beheben. Die Junge Gruppe hat ja schon angefangen, sich mit Fragen von Intoleranz zu beschäftigen und sich gegen Hass und Gewalt zu engagieren. Mit der „Gelben Hand“ können wir das noch etwas ausweiten. Und vielleicht können wir etwas von den Erfahrungen, die wir intern machen, weitergeben.

Es geht also auch darum, Toleranz ein bisschen vorzuleben…

… das auch in der Arbeit vorzuleben. Das heißt aber nicht zu sagen: Wir haben Verständnis für alles. Wir sind als GdP gegen jede Art von Gewalt und Intoleranz. Und wir sind dagegen, dass sich rechte, fremdenfeindliche Strukturen installieren. Wir wissen, dass wir geschichtlich eine größere Bürde haben als andere. Auch deshalb stehen wir für eine freiheitliche und tolerante Gesellschaft.


* Frank Richter ist – wie er selbst sagt – „ein Kind des Ruhrgebiets“. Er hat mit 16 Jahren bei der Polizei angefangen und ist mittlerweile 37 Jahre im Dienst. Nach verschiedenen gewerkschaftlichen Funktionen ist er heute Landesvorsitzender in NRW, stellvertretender Bundesvorsitzender und Vizepräsident von EuroCOP, dem europäischen Dachverband der Polizeigewerkschaften.