Gewerkschaften und Kampf

Der vergessene Arbeiterwiderstand von 1923

Im ehemaligen Jüdischen Waisenhaus in Berlin-Pankow haben sich die „Pankower Waisenhausgespräche“ im März dem Hamburger Aufstand von 1923 gewidmet. Schnell wird deutlich: Diese Ereignisse sind ohne den politischen und organisatorischen Kontext der Arbeiterbewegung nicht zu verstehen. Gerade heute, in Zeiten, in denen häufig eine vermeintliche Neutralität der Zivilgesellschaft eingefordert wird, zeigte der Abend die Bedeutung organisierter Interessenvertretung.

Der Hamburger Aufstand war kein spontanes Ereignis. Er ging maßgeblich von der KPD aus und wurde von einem politisierten Milieu getragen, das in Betrieben, Parteien und auch Gewerkschaften organisiert war. Gewerkschaften waren dabei weniger direkte Träger des Aufstands, aber zentrale Orte politischer Sozialisation und kollektiver Erfahrung in der Weimarer Republik.

Biografien geprägt von Widerstand und politischer Verfolgung

Im Mittelpunkt des Abends standen zwei Bücher über Martha und Harry Naujoks. Beide Biografien stehen exemplarisch für politische Verfolgung, Widerstand und Überlebensstrategien. „Das vergessene Leben der Martha Naujoks“ (Henning Fischer) beschreibt ihren Weg von der Arbeiterbewegung über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus bis zur Emigration in die Sowjetunion und ihre Rückkehr nach 1945. Zugleich verweist ihre Geschichte auf die Gefahren politischer Verfolgung und Repression im Exil. Harry Naujoks schildert in „Mein Leben im KZ Sachsenhausen“ seine Haft als politischer Gefangener. Als Funktionshäftling nutzte er begrenzte Spielräume, um Mitgefangene zu unterstützen – unter ständigem Risiko.

Arbeiterbewegung als Grundlage des Widerstands

Der Abend macht deutlich: Widerstand entsteht selten spontan. Er wächst aus Erfahrung, Organisation und Solidarität. Die Arbeiterbewegung, einschließlich der Gewerkschaften, bildete dafür eine wichtige Grundlage. Zugleich zeigt sich, warum dieser Teil der Geschichte oft wenig präsent ist: Widerstand wird häufig erst mit der NS-Zeit verbunden, seine Wurzeln reichen jedoch in die konfliktreichen Jahre der Weimarer Republik zurück.
 

Infos zum Jüdischen Waisenhaus Pankow: www.bpb.de/themen/holocaust/erinnerungsorte/503110/ehemaliges-juedisches-waisenhaus-pankow-e-v/
 

Schwarz-weiß Foto, ein Mann und eine Frau von der Seite abgebildet

Martha und Harry Naujoks Anfang der 1980er Jahre