Nicht nur zahlreiche Kommunal- und Landtagswahlen stehen in diesem Jahr an: Im Frühjahr werden die Betriebsräte (BR) neu gewählt, im Herbst finden die Wahlen zur Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) und zur Schwerbehindertenvertretung (SBV) statt. Wir haben mit zwei Gremienvertreter*innen über die Beteiligung von Kolleg*innen mit Migrationshintergrund an den Wahlen und Gremien gesprochen.
AKTIV: Wie können Kolleg*innen mit Migrationshintergrund gezielt für die BR-, JAV- und SBV-Wahlen erreicht und motiviert werden, sich zu beteiligen?
Meral: Kolleg*innen mit Migrationshintergrund können wir erreichen, indem Ansprache und Information niedrigschwellig, mehrsprachig und auf Vertrauensebene erfolgen. Persönliche Gespräche, Vorbilder aus der eigenen Community, Informationsveranstaltungen in einer verständlichen Sprache sowie die Einbindung von Vertrauenspersonen erhöhen die Beteiligung deutlich. Wichtig ist, hierbei klar zu vermitteln, dass Mitbestimmung konkret den Arbeitsalltag verbessert und alle Stimmen zählen.
Robert: Junge Menschen mit Migrationshintergrund erreicht man vor allem über persönliche Ansprache und glaubwürdige Vorbilder. Wenn bestehende JAV-Mitglieder, Ausbilder*innen oder Gewerkschaften auf Augenhöhe erklären, was Mitbestimmung konkret bewirken kann, steigt die Bereitschaft zur Beteiligung deutlich. Wichtig ist, früh zu zeigen, dass JAV-Arbeit den Ausbildungsalltag tatsächlich verbessert und kein abstraktes Gremium ist.
Welche Hürden beeinflussen die Bereitschaft zur Kandidatur, und welche konkreten Maßnahmen können Arbeitgeber*innen und Gewerkschaften dagegensetzen?
Robert: Viele junge Menschen zögern, weil sie unsicher sind, Angst vor Konflikten haben oder glauben, nicht ausreichend qualifiziert zu sein. Diese Hürden lassen sich abbauen, wenn klar vermittelt wird, dass niemand allein gelassen wird. Schulungen, Mentoring und eine sichtbare Rückendeckung durch Gewerkschaften sind entscheidend, um Vertrauen zu schaffen und Mut zur Kandidatur zu machen.
Meral: Hürden für eine Kandidatur sind häufig Sprachunsicherheiten, fehlendes Wissen über Rechte und Aufgaben des Betriebsrats, Angst vor Benachteiligung oder Ausgrenzung sowie mangelnde Unterstützung durch Führungskräfte. Auch kulturelle Prägungen, in denen Mitbestimmung ungewohnt ist, können dabei eine Rolle spielen. Arbeitgeber*innen und Gewerkschaften können dem gezielt entgegenwirken, indem sie Schulungen und Informationsmaterial in mehreren Sprachen anbieten, Zeit und Schutz für Engagement garantieren, Mentoring-Programme aufbauen und eine klare Haltung gegen Diskriminierung zeigen. Gewerkschaften sollten gezielt migrantische Beschäftigte ansprechen und sie frühzeitig zur Kandidatur ermutigen.
Welche Strategien eignen sich, um die Gremien so divers zu gestalten, dass sie die tatsächliche Vielfalt in der Belegschaft widerspiegeln?
Meral: Für vielfältige Betriebsräte braucht es langfristige Strategien wie aktive Nachwuchsarbeit, transparente Wahlprozesse, sichtbare Diversität in bestehenden Gremien und eine Unternehmenskultur, die Unterschiedlichkeit als Stärke versteht. Nur so spiegelt der Betriebsrat die reale Vielfalt der Belegschaft wider und gewinnt an Legitimität und Wirkung.
Robert: Eine vielfältige JAV entsteht nicht zufällig, sondern durch bewusste Ansprache und offene Strukturen. Wer echte Vielfalt will, muss unterschiedliche Lebensrealitäten mitdenken und Barrieren abbauen – etwa in Sprache, Information und Beteiligungsformaten. So entsteht eine Interessenvertretung, die die tatsächliche Zusammensetzung der Ausbildung widerspiegelt und glaubwürdig handelt.
Lesetipp:
Weber, Daphne (2026): Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts – Narrative, Netzwerke und Kommunikation von Zentrum (Automobil) im Kontext der Betriebsratswahlen 2018 und 2022. Mit einer Einschätzung der AfD-Bundestagswahlkampagne 2024/2025.
Hans Böckler Stiftung, Forschungsförderung
Download: www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-009303
