„Vielfalt ist Bereicherung“

Maike Finnern (GEW) über die Anforderungen an Bildung in der Migrationsgesellschaft

AKTIV: Vielfalt prägt den Alltag in unseren Kitas und Schulen; das zeigen nicht nur die Kinder mit eigener oder familiärer Migrationsgeschichte. Welche Rahmenbedingungen sind nötig, damit Vielfalt nicht als Herausforderung, sondern als Bereicherung wirkt?

Maike Finnern: Um einen respektvollen Umgang mit Diversität zu fördern, müssen verschiedene Lebenslagen, Lernvoraussetzungen und Bedürfnisse berücksichtigt werden. Dazu braucht es deutlich mehr personelle und finanzielle Ressourcen. Kleine Gruppen beziehungsweise Klassen sind wichtig, damit individuelle Förderung gelingt. Bedarfsgerechte Förderangebote wie Sprach- und Kulturangebote stärken sprachliche Fähigkeiten und ein wertschätzendes Miteinander. Deutsch als Bildungssprache muss systematisch und durchgängig gefördert werden; neben Deutsch als Zweitsprache (DaZ) ist auch sprachsensibler Fachunterricht wichtig. Zugleich gilt es, Mehrsprachigkeit als Ressource wertzuschätzen und den Herkunftssprachenunterricht auszubauen. Materialien müssen inklusiv und frei von Stereotypen sein, Antidiskriminierungsarbeit fest verankert werden. Nur mit ausreichenden Ressourcen und gelebter Wertschätzung wird Vielfalt als Potenzial entfaltet und Chancengleichheit möglich.

Welche Rolle spielen Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte mit Migrationshintergrund in einer vielfältigen Schulgemeinschaft?

Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte sind wichtige Bezugspersonen und übernehmen häufig eine Identifikationsfunktion. Das gilt für alle Schüler*innen, besonders aber für Schüler*innen mit eigener oder familiärer Einwanderungsgeschichte. Denn diese sehen in ihnen Menschen, die es in der Gesellschaft und im Bildungssystem erfolgreich geschafft haben – unabhängig von ihrer Herkunft. Und sie erleben in ihnen Menschen, die sich Zeit für sie nehmen und sie auf ihren Wegen begleiten. Diese Vorbildfunktion und die enge Begleitung kann die eigene Motivation und das Selbstbewusstsein nachhaltig steigern.

Mehrsprachigkeit ist eine zentrale Kompetenz. Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte sind Sprach- und Kulturmittler*innen zugleich, zwischen Schüler*innen, im Kollegium und mit den Eltern. Vielfalt wird somit zur Normalität und stärkt interkulturelle Kompetenzen, neue Perspektiven und neue Erfahrungen in einem diversitätsbewussten Alltag. Zur Entwicklung einer inklusiven Schulkultur gehören multiprofessionelle Teams und eine gute und dauerhafte Fortbildung aller Fachkräfte.

Kitas und Schulen werden immer öfter zu Orten kultureller Auseinandersetzungen. Wie können sie trotzdem ihrer Aufgabe als verbindender Lebens- und Lernraum gerecht werden?

Kitas und Schulen spiegeln unsere Gesellschaft wider. Diskriminierungen, fehlender Respekt, zunehmende Gewaltbereitschaft und fehlende Empathie sind auch dort zu beobachten. Dem wirkt eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung entgegen, die mit der gesamten Kita- oder Schulgemeinschaft gestaltet wird. Vielfalt soll als Bereicherung erlebt werden. Grundlage ist ein Wertefundament, welches gemeinsam entwickelt und gelebt werden muss. Regeln gelten für alle, und auf ihre Einhaltung ist für alle gleichermaßen zu achten. Das schafft Orientierung und Sicherheit. Interkulturelle Kompetenz gilt es systematisch zu stärken, insbesondere durch Fort- und Weiterbildungen für Pädagog*innen. Wenn es gelingt, Vielfalt im Alltag und Unterricht als Ressource zu sehen, können Kinder, Jugendliche, Eltern und Beschäftigte dies als Chance erleben sowie Respekt und Verständnis füreinander entwickeln.

Der Wettbewerb „Die Gelbe Hand“ zeigt, dass berufsbildende Schulen als Orte der Demokratie trotz begrenzter Mittel, dafür aber mit viel Engagement der Lehrkräfte hervorragend funktionieren können. Welche Maßnahmen braucht es, um dieses Engagement zu stärken?

Es ist wirklich toll, dass der Wettbewerb zeigt, wie viel Engagement unsere Kolleg*innen bei ihrer Arbeit in den Schulen einbringen. Lehrkräfte können den Unterschied machen, wenn es darum geht, wie Schüler*innen sich entwickeln. Engagement stößt allerdings zu oft an faktische Grenzen, da die Mittel insgesamt zu begrenzt sind, Fachkräfte in großer Anzahl fehlen und es vor allem an Zeit mangelt, die dringend notwendig ist. Lehrkräfte brauchen Zeit für ihre pädagogische und fachliche Arbeit, sie brauchen Zeit, um Demokratie erlebbar zu machen, sie brauchen Zeit für individuelle Förderung und sie brauchen Zeit, um Vielfalt erlebbar zu machen. Das alles geht nur mit mehr Ressourcen, mehr Fachkräften und vielen Fortbildungsangeboten.

Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Schirmherrin des Wettbewerbs „Die Gelbe Hand“ 2025/26, Foto: Kay Herschelmann