„Demokratie muss man verteidigen – Tag für Tag!“

Zu seinem Abschied: Ein Interview mit unserem Vorsitzenden Giovanni Pollice

Unser Vorsitzender Giovanni Pollice scheidet Anfang Dezember nach 12 Jahren an der Spitze des Vereins aus dem Amt. Wir sagen: Danke Giovanni!

Im Jahr 2016 feierte die Gelbe Hand ihr 30-jähriges Jubiläum. Mit dabei (v.l.): die damalige Familienministerin Manuela Schwesig, unser Vorsitzender Giovanni Pollice und DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann.

18.11.2020

Seit 2008 ist Giovanni Pollice Vorsitzender der Gelben Hand. Anfang Dezember 2020 endet nun seine erfolgreiche Amtszeit an der Spitze unseres Vereins, da er sich entschieden hat, nicht noch einmal für das Amt zu kandidieren. Es ist an der Zeit, zurückzublicken auf 12 Jahre, die Giovanni Pollice voller Leidenschaft dem gewerkschaftlichen Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus sowie dem Eintreten für eine solidarische Gesellschaft gewidmet hat. Wie sich der Verein in diesen Jahren entwickelt hat, welche gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen in dieser Zeit aufkamen und was es in Zukunft braucht, um Rassismus zu bekämpfen, darüber haben wir mit unserem scheidenden Vorsitzenden gesprochen.

Lieber Giovanni, 2008 wurdest du Vorsitzender unseres bundesweiten, gewerkschaftlichen Vereins gegen Rassismus und Rechtsextremismus. In welcher Situation hast du damals den Verein vorgefunden und übernommen?

Die Situation des Vereins war schlecht. Wir brauchten finanzielle Ressourcen, denn ohne die kann man keine politischen Aktivitäten betreiben. Die Gelbe Hand wurde 1986 von der DGB-Jugend gegründet und war anfangs eine öffentlichkeitswirksame Kampagne, die von prominenten Persönlichkeiten – von Willy Brandt, über Udo Lindenberg oder Götz George als Tatort-Kommissar Schimanski – unterstützt und durch sie in die Gesellschaft getragen wurde. Strukturell war der Verein beim DGB angesiedelt, der den Verein auch bis Mitte der 1990er Jahren finanziell unterstützt hatte. Aber dann fehlten zunehmend die finanziellen Möglichkeiten, um politische Aktivitäten zu betreiben. Man beschränkte sich auf das Verkaufen von Pins und Aufklebern. Die Gelbe Hand, das gewerkschaftliche Symbol gegen Rassismus, stand kurz vor dem Ende. Der damalige Vorstand hatte sich bemüht, finanzielle Ressourcen zu akquirieren, indem er alle Vorstände der Gewerkschaften anschrieb. Damit erzielten sie auch einen Teilerfolg. Immerhin beteiligten sich dann einige Gewerkschaften an den Kosten des Newsletters „Aktiv“, der, wie auch weitere wenige Aktivitäten, zum Teil über befristete Projekte finanziert wurde.

Ein weiterer wichtiger Schritt des damaligen Vorstandes war die Einführung der Möglichkeit einer Fördermitgliedschaft. Das Fördermitglied Nr. 1 ist übrigens der damalige Vorsitzende, Holger Menze von ver.di, der am 10.06.2006 beigetreten war. Als ich 2008 Vorsitzender wurde hatte der Verein 13 Fördermitglieder! Jetzt sind es über 2100, überwiegend aus allen gewerkschaftlichen Bereichen und Regionen Deutschlands, wir haben aber auch Fördermitglieder, die nicht Mitglied einer Gewerkschaft sind. Mit der Entwicklung bin ich nicht unzufrieden, aber gemessen am Potenzial, das wir haben, ist da noch viel Luft nach oben! Nachdem ich 2008 den Vorsitz des Vereins übernommen hatte, kontaktierte ich mit Unterstützung von Annelie Buntenbach vom DGB Bundesvorstand, bei der ich mich sehr bedanke, die Vorsitzenden aller DGB-Gewerkschaften und holte alle Gewerkschaften sowie den DGB selbst bei der Finanzierung mit ins Boot. So konnten wir den Verein wieder auf ein solides Fundament stellen, eine hauptamtliche Geschäftsführerin einstellen und somit die politische Arbeit wieder ­vorantreiben. Seither nimmt der Verein eine Schnittstellen- und Scharnierfunktion bei den Themen Rassismus und Rechtsextremismus ein, da er von allen Gewerkschaften unterstützt wird.

Du sagst, der Verein war nahezu am Boden. Was war deine Motivation, den Verein wieder aufzubauen und dich gegen Rassismus zu engagieren?

Ich habe mich seit jeher als ehrenamtlicher und hauptamtlicher Gewerkschafter gegen Ausgrenzung und für gleichberechtigte Teilhabe eingesetzt. Auch weil ich selbst erfahren habe, was es bedeutet, weniger Chancen und Teilhabemöglichkeiten zu haben, als ich mit 12 Jahren aus Italien als sogenanntes „Gastarbeiter“-Kind nach Deutschland kam. Nach meiner Lehre als Schlosser in einer süddeutschen Papierfabrik habe ich begonnen, mich betrieblich zu engagieren und den oftmals ausländischen Kolleginnen und Kollegen eine Stimme zu geben. Erst als Jugendvertreter, später als Betriebsrat. Den Verein und das Symbol kenne ich daher schon seit meiner Tätigkeit als Betriebsrat. Als ich dann 1988 als hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär zum DGB Bundesvorstand in die Abteilung Ausländische Arbeitnehmer wechselte, veranstalteten wir immer wieder mit der DGB-Jugend und dem Kumpelverein gemeinsame Aktionen und Aktivitäten. Ebenso als ich später 1998 hauptamtlich zur IG BCE wechselte. Daher kannte ich den Verein von Anbeginn an. Es war mir also ein Herzensanliegen, die Gelbe Hand als gewerkschaftliches Symbol gegen Rechts wieder nach vorne zu bringen.

Das Jahr 2008 scheint aus der heutigen Sicht einer sich rasant wandelnden Gesellschaft eine Ewigkeit her zu sein. Wie war die gesellschaftliche Stimmungslage damals und was hat sich seitdem verändert?

Rassismus gibt es ja nicht erst seit der Flüchtlingsdiskussion der letzten Jahre. Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, Hoyerswerda waren schon in den 1990er Jahren Chiffren der Gewalt und des Hasses gegen Migrant*innen. Anfang der 2000er Jahre öffnete sich in Deutschland die Bundespolitik für das Thema Integration. Wohlgemerkt knapp 50 Jahre nach den ersten Anwerbeabkommen! Schulen, Betriebe, Stadtteile waren längst multikulturell und die Politik hat weiter Jahrzehnte lang negiert, ein Einwanderungsland zu sein, anstatt Integration zu fördern. Um die Jahrtausendwende – besser spät als nie – hat man politisch ein paar Schritte nach vorne gemacht. Doch schon mit Sarrazins rassistischen Thesen im Jahr 2010 spürte man, dass sich im Diskurs etwas verändert hatte. Unsagbares schien wieder sagbar, Rassismus wurde wieder salonfähig. Im Grunde sehe ich da Kontinuitätslinien bis hin zur AfD und Pegida, die sich in den darauffolgenden Jahren gründen sollten. Der Rechtspopulismus und -extremismus erstarkte in Deutschland wie in ganz Europa. Wir erleben, angeheizt durch die Asyldebatte der Jahre 2014/15, eine enorme Polarisierung, eine Verrohung des gesellschaftlichen Diskurses, die einhergeht mit einem eklatanten Anstieg rechter Gewalttaten. Im Jahr 2017 wurde mit der AfD erstmals eine offen rassistische, in Teilen rechtsextreme Partei in den Bundestag gewählt, eine Partei, die Ängste und Ressentiments schürt und die Gesellschaft spalten will. Das ist eine Zäsur. Diesen Entwicklungen sind wir, als Kumpelverein gemeinsam mit den Gewerkschaften, in den letzten Jahren mit aller Kraft entgegentreten, im Betrieb wie in der Gesellschaft.

Was waren konkret die Maßnahmen des Kumpelvereins, um dem Rechtsruck zu begegnen?

Mit dem DGB und den Einzelgewerkschaften haben wir starke Partner. Gemeinsam haben wir in den Jahren zahlreiche Aktivitäten umgesetzt und immer klare Kante gegen den zunehmenden Rechtspopulismus gezeigt. In gemeinsamen Tagungen haben wir aus allen Gewerkschaften die Aktiven zusammengebracht, ein Netzwerk gebildet und Strategien erarbeitet, wie wir in der Arbeitswelt, in der Gesellschaft, aber auch im digitalen Raum dem Rechtsruck entgegentreten können. Über die Gewerkschaften haben wir auch Zugänge zu den Betrieben, wo wir mit Bildungsangeboten, in Workshops, Seminaren, auf Betriebsversammlungen bundesweit Präventions- und Sensibilisierungsarbeit geleistet haben. In Kooperation mit der IG BCE haben wir ab 2016 eine Seminarreihe in den IG BCE-Bildungszentren etabliert. Seit 2015 sind wir Teil des Förderprogramms gegen Rechtsextremismus, „Demokratie leben!“, des Familienministeriums. Ab da hatten wir auch mehr finanzielle Spielräume. In Projekten haben wir Bildungsmaterialien für Azubis erstellt und mit den Partnerbetrieben Evonik und der Rheinbahn AG eng zusammengearbeitet, um die Themen Demokratie und Antirassismus in den Ausbildungsgängen zu verankern. An Auszubildende und Berufsschüler*innen richtet sich auch unser jährlich stattfindender Wettbewerb, bei dem wir das Engagement der Jugend gegen Rassismus prämieren. Mittlerweile hat sich dieser so etabliert, dass jedes Jahr sowohl ein/e Ministerpräsident*in, als auch ein/e Gewerkschaftsvorsitzende*r die Schirmherrschaft übernehmen. Darüber hinaus war es mir wichtig, immer wieder Präsenz zu zeigen, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, unter anderem durch unsere Infostände. Ob auf Marktplätzen am 1. Mai, bei Demos gegen Rechts oder bei Gewerkschafts- und Parteikongressen, wir waren stets mit der Gelben Hand vor Ort, um für den Verein, aber vor allem für unsere Themen zu werben. Jede und jeder einzelne kann etwas dazu beitragen, Rassismus entgegenzutreten, deswegen habe ich immer auch – manche sagen mit Nachdruck – Fördermitglieder für die Gelbe Hand geworben!

Was waren für dich besonders erinnerungswürdige Momente in deiner Amtszeit? Und wie bewertest du rückblickend die Jahre als Vorsitzender?

Da gab es viele Momente. Ich durfte viele tolle, engagierte Menschen kennenlernen, die den Verein begleitet haben. In Erinnerung bleiben mir das 25-jährige Jubiläum, das wir in Düsseldorf in einer alten Werkshalle der Rheinbahn AG gefeiert haben in Anwesenheit von Vertreter*innen der NRW-Landesregierung und mehrerer Gewerkschaftsvorsitzender, sowie das 30-jährige Jubiläum in Berlin, bei dem die damalige Familienministerin Manuela Schwesig und DGB-Chef Reiner Hoffmann uns beehrt haben. Auf Einladung der damaligen Integrationsbeauftragten Aydan Özoguz wurde der Kumpelverein für sein 30-jähriges Engagement sogar im Kanzleramt empfangen. Das war für uns auch eine große Ehre. Daher würde ich rückblickend sagen, dass der Verein mittlerweile eine hohe Anerkennung und Ansehen genießt, weil er gute, professionelle Arbeit macht, und dadurch die Bedeutung des gewerkschaftlichen Engagements gegen Rassismus gewachsen ist. Allerdings eben auch, weil die gesamtgesellschaftlichen, politischen Entwicklungen gezeigt haben, dass es das Engagement mehr denn je braucht. Denn Rassismus ist über die letzten Jahre meiner Amtszeit stärker denn je zu Tage getreten. Das stimmt mich natürlich nachdenklich und auch traurig. Ich hätte gehofft, dass wir im Jahr 2020 weiter sind in der Gesellschaft.

Was sind für dich aktuell die größten Herausforderungen? Wie können Gewerkschaften, aber auch die Politik, Rassismus den Nährboden entziehen?

Eine einfache Lösung gibt es dafür nicht, da muss man an vielen Stellschrauben drehen. In erster Linie müssen wir erkennen, dass wir es hier mit einem strukturellen Problem zu tun haben, beim dem vieles in Wechselwirkung zueinander steht. Damit meine ich, dass Rechtsextreme gerade im Aufwind sind, weil auch in der Mitte der Gesellschaft die Stimmung aufgeheizt ist, weil Rassismus sozusagen in der Mitte normalisiert wird. Diese Stimmung wird aktiv von einem Netzwerk an rechten Akteuren befeuert, vor allem in sozialen Medien. In der letzten Konsequenz führt die Spirale des Hasses zu schrecklichen Gewalttaten – der Mord an Walter Lübcke, die Anschläge in Halle und Hanau. Im Zuge der Corona-Pandemie verbreiten sich antisemitische Verschwörungsmythen, auf sogenannten Hygiene-Demos geht eine heterogene Gruppe aus Esoterikern und Impfgegnern gemeinsam mit Reichsbürgern und Neonazis auf die Straße. Die Herausforderungen sind also enorm. Die Politik muss zum einen Rassismus konsequent ächten und gegen Rechtsextremismus vorgehen, zum anderen auch Migration und Integration aktiv gestalten, zum Beispiel durch ein Einwanderungsgesetz. Das gilt auch für Europa: Was sich an den europäischen Außengrenzen abspielt, ist absolut menschenunwürdig! Als Gewerkschaften müssen wir es schaffen, der Unsicherheit in einer sich wandelnden Arbeitswelt eine soziale Sicherheit entgegenzusetzen: durch Gute Arbeit, Tarifbindung und Mitbestimmung. Gleichzeitig braucht es mehr Demokratiebildung und Antirassismusarbeit, sowie Dialog und Austausch, um rassistischen Vorurteilen entgegenzuwirken. Als Gewerkschafter müssen wir unseren Grundwert der Solidarität täglich leben, so können wir den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken. Den Gewerkschaften kommt hier auch zukünftig eine elementare Rolle zu, weil sie soziale Gerechtigkeit und Antifaschismus in sich vereinen.

Du warst stets ein „Vollblut-Gewerkschafter“, der authentisch, mit Leidenschaft, im wahrsten Sinne rund um die Uhr, für den Verein und für den gemeinsamen Kampf gegen Rechts geworben hat. Wie wirst du jetzt deinen „ehrenamtlichen Ruhestand“ verbringen?

Bisher war ich sehr viel dienstlich unterwegs, habe viel Interessantes gesehen und erlebt. Das waren aber meistens kurze Aufenthalte. Ich habe mir vorgenommen, Reisen mit längeren Aufenthalten zu unternehmen und natürlich wie immer gut zu essen und das ein oder andere Glas italienischen Rotwein zu trinken, um den Ruhestand so gut wie möglich zu genießen. Aber mit Sicherheit werde ich nicht von heute auf morgen ein unpolitischer Mensch. Ich werde auch weiterhin meine Stimme erheben gegen Ausgrenzung und Hass, gegen jene, die spalten und hetzen, gegen Rassisten und Menschenfeinde. Demokratie muss man verteidigen, Tag für Tag! An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Gewerkschaftsvorsitzenden und Vorstandsmitgliedern sowie dem DGB für die Unterstützung bedanken, die der Verein stetig erfährt, aber auch für das mir entgegengebrachte Vertrauen. Des Weiteren bedanke ich mich sehr bei allen Mitgliedern, Fördermitgliedern und ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen, die uns bei der Betreuung von Infoständen unterstützen und somit viel Freizeit opfern. Nicht zuletzt bedanke ich mich bei all denen, die mich unterstützt und begleitet haben und bei den Kolleginnen und Kollegen der Geschäftsstelle, die eine hervorragende Arbeit leisten. Glückauf!

Giovanni Pollice: Ein Leben im Zeichen des Engagements gegen Rassismus

Giovanni Pollice wurde am 20.06.1954 im süditalienischen Capracotta geboren und kam 1966 im Alter von 12 Jahren, als sogenanntes „Gastarbeiter-Kind“, nach Süddeutschland, in die Nähe von Baden-Baden. Nach seiner Lehre als Schlosser in einer Papierfabrik engagierte er sich zuerst als Jugendvertreter und dann als Betriebsrat im Unternehmen. 1988 wechselte er in die Hauptamtlichkeit; er begann seine Laufbahn als Gewerkschaftssekretär beim DGB Bundesvorstand in Düsseldorf in der Abteilung Ausländische Arbeitnehmer. Zehn Jahre später, 1998, ging Giovanni Pollice zum Hauptvorstand der IG BCE nach Hannover, zunächst als Gewerkschaftssekretär, daraufhin war er bis 2014 Leiter der Abteilung Politische Schwerpunktgruppen, u.?a. zuständig für Migrations-, Integrations- und Antirassismuspolitik. Im Jahr 2008 wurde Pollice ehrenamtlicher Vorsitzender der Gelben Hand. Er war u.?a. Gründungsmitglied des Interkulturellen Rates und Mitglied des Stiftungsrates der im Jahr 2014 gegründeten Stiftung gegen Rassismus. 2017 erhielt er für sein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement für eine diskriminierungsfreie Arbeitswelt, für seinen Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus sowie für seinen gesellschaftlichen Einsatz für Integration, Vielfalt und Kultur das Bundesverdienstkreuz am Bande, verliehen vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Nach 12 Jahren gibt Giovanni Pollice nun Anfang Dezember 2020 den Vorsitz des Kumpelvereins ab. Der Kumpelverein sagt: Grazie Giovanni!

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