Der 8. Mai – ein Grund zum Feiern!

Von Marc Neumann, stellvertretender Vorsitzender der Gelben Hand und Referent beim DGB-Bundesvorstand

US-Soldaten und Zivilist*innen feiern das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa (Quelle: DGB/ public domain)

27.04.2020

Am 8. Mai 1945 waren zwölf Jahre Nacht vorbei. Der Tag der Befreiung, der Tag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs durch die Alliierten, ist ein Grund zum Feiern. Zugleich ist er ein Tag des Danks an die Siegermächte: an die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion, die zahlreiche Tote zu beklagen hatten, die aber trotz aller Verluste an Menschenleben weiter dafür kämpften, den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland ein Ende zu bereiten, Deutschland und Europa von der Nazi-Barbarei zu befreien.

Der 8. Mai markiert den Tag, an dem unsägliches Leid beendet wurde, das die Deutschen über die Menschen im eigenen Land und über die Menschen in den von der Wehrmacht überfallenen Ländern gebracht hatten. Sechs Millionen Juden wurden in der Shoah in industriellem Maßstab ermordet, vom Kind bis zum Greis. Das Menschheitsverbrechen schlechthin hätte noch größere Leichenberge erschaffen können, hätten nicht die Briten Rommels Truppen in Afrika gestoppt und so einen zweiten Holocaust in Palästina verhindert.

75 Jahre sind seitdem vergangen – 75 Jahre, in denen (jedenfalls im Westen) die freien Gewerkschaften und ihr Bund wiederaufgebaut und gestärkt werden konnten. 75 Jahre, in denen Demokratie gelernt werden konnte, wenn auch mit vielen Defiziten. Der 8. Mai ist für uns als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter eine Verpflichtung, insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass immer wieder Versuche einer Umwidmung stattfinden. So war die Vergangenheitspolitik der alten Bundesrepublik in der Nachkriegszeit von Leugnung und Verdrängung geprägt; vielleicht beendete erst Willy Brandts Kniefall in Warschau diese Periode. Ab Mitte der 1980er Jahre war aber dann die Schamfrist für einige schon wieder abgelaufen – der Historikerstreit, der öffentlich inszenierte Widerspruch zur Weizsäcker Rede zum 8. Mai, die Rede Martin Walsers in der Paulskirche, der Streit um die „Wehrmachtsausstellung“ sind Beispiele für Versuche einer Relativierung deutscher Schuld. Einige Intellektuelle und einige Wissenschaftler haben einen gehörigen Anteil daran, dass Unsägliches wieder sagbar geworden ist. Wenn nun AfD-Politiker meinen: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte“ (Alexander Gauland) oder das „Denkmal der Schande“ ansprechen und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ (Björn Höcke) fordern, sind wir gefragt, dagegen aufzustehen und diese Umdeutungen nicht zuzulassen.

Nach den Verbrechen der Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus sind wir alle in der Verantwortung, das Geschehene nicht zu verdrängen, zu vergessen, zu relativieren. Ganz konkret würde ich mir etwa wünschen, dem wiederaufkeimenden Antisemitismus mit aller Macht entgegenzutreten, und zwar nicht nur dem der Neonazis, sondern jedem Antisemitismus aus allen Richtungen und mit allen Motiven. Das darf nicht nur in Sonntagsreden gefordert werden. Jüdisches Leben in der Bundesrepublik muss geschützt werden. Ich würde mir auch wünschen, dass die Deutschen mit mehr Demut und weniger Belehrung auftreten, vor allem auf der internationalen Bühne. Einer der journalistischen Tiefpunkte in diesem Jahr ist ein Beispiel dafür: Zum Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz fanden in Jerusalem Gedenkveranstaltungen statt, auch in Yad Vashem. Eine Korrespondentin des Hessischen Rundfunks nutzte den Anlass in einem Kommentar für die Tagesschau: Sie warf dem Präsidenten Russland und dem israelischen Ministerpräsidenten vor, den Gedenktag „gekapert“ und „sozusagen ihre eigene politische und erinnerungspolitische Privatparty“ gefeiert zu haben. Nun bestand die „Privatparty“ aus der Einweihung eines Denkmals für die Opfer der deutschen Belagerung Leningrads. Über eine Million Menschen starb durch dieses Kriegsverbrechen der Wehrmacht. Ich habe selten Beschämenderes lesen oder hören müssen. Auch solchen Tendenzen müssen wir entgegentreten– es steht niemanden zu, als Besserwisser die richtige Form des Gedenkens und Erinnerns zu diktieren und damit auch noch Urheberrechte auf die deutschen Verbrechen gegen die Menschheit geltend zu machen.

Der DGB wollte in diesem Jahr am 7. Mai seinen zentralen Festakt unter dem Motto „Nie wieder! Erinnern für heute und morgen“ in Recklinghausen begehen. Verdiente Kolleginnen und Kollegen des israelischen Gewerkschaftsbunds Histadrut sollten geehrt werden. Das CoronaVirus hat diese Veranstaltung vorerst verhindert. Es ist zu hoffen, dass sie noch 2020 nachgeholt werden kann, um ein Zeichen dafür zu setzen, dass der 8. Mai ein Tag zum Feiern ist: Wir feiern das Ende nationalsozialistischer Schreckensherrschaft, das Ende des unsäglichen Leids.

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