„Wir erleben vielerlei Demütigungen im öffentlichen Leben.“

Ein Gespräch mit Hamado Dipama, unserem ver.di-Kollegen aus München und dem Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrates, über den Alltag schwarzer Menschen in Deutschland.

Foto: Hamado Dipama

20.07.2020

In der „Zweiten EU-Erhebung zu Minderheiten und Diskriminierung“ der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem Jahr 2018 wurden schwarze Menschen in den EU-Ländern befragt, warum sie rassistische Vorfälle den Behörden nicht gemeldet hätten. Zwei am häufigsten genannte Gründe waren: „Der Vorfall war es nicht wert, gemeldet zu werden. Es passiert die ganze Zeit über“ und „Es ändert nichts, wenn ich es melde“. Ist das ein Beweis für den strukturellen Rassismus, die Hoffnungslosigkeit der Betroffenen oder den kompletten Mangel an Sensibilisierung in der weißen Bevölkerung?

Ich würde sagen, der strukturelle Rassismus und der Mangel an Sensibilisierung gehören dazu, aber auch vielmehr als die die zwei genannten Gründe.

Aber fangen wir mit den genannten Gründen an: Der Institutionelle und strukturelle Rassismus machen uns Betroffenen hier in Deutschland und in vielen weiteren EU-Ländern sehr zu schaffen. Wir erleben ihn auf allen Ebenen: Als Schwarze Menschen* haben wir nicht die gleichen Chancen wie ein weißer Mensch auf dem Arbeitsmarkt und im Arbeitsleben. Wir haben nicht die gleichen Chancen auf dem Wohnungsmarkt, nicht in Bildungsinstitutionen und nicht mal beim Einkaufen oder in der Freizeit. Das ist unser Alltag als Schwarze Menschen in Europa, in den USA und in den arabischen Ländern und führt dazu, dass diese Erfahrung als „normal“ empfunden und meist angenommen wird. Wir werden sehr oft ohne Konsequenz diskriminiert und zwar bewusst oder unbewusst. Viele von uns ertragen es meistens aus Hilflosigkeit oder als Überlebensstrategie und versuchen die Sache als harmlos zu betrachten bis sie tätlich wird.

Ich darf hier erwähnen, dass trotz dieser oben genannten Situation von Schwarzen Menschen der Begriff „Anti-Schwarzer Rassismus“ zum erstmal 2018 in einem offiziellen Dokument in Deutschland erschienen ist. Dies erfolgte auf Druck von Betroffenen im Zuge der Erstellung des Nationalen Aktionsplans gegen Rassismus. Ich darf auch hier erwähnen, dass der Begriff „Rasse“ einen Bestandteil des Deutschen Grundgesetzes und der dazugehörenden Rechtsgrundlagen ist.

Nun zum Mangel an Sensibilisierung der Weißen: Ja, vielen fehlt es an Sensibilisierung aber viele sind auch nicht bereit, sich ihre Privilegien einzugestehen, geschweige denn, diese in Frage zu stellen. Eine Sensibilisierung kann stattfinden, wenn endlich erkannt wird, dass wir eine Gesellschaft haben, die ein Rassismus-Problem hat. Dieses Bewusstsein ist leider noch nicht vorhanden.

Ein weiterer Grund für das mangelnde Bewusstsein und die mangelnde Sensibilisierung ist die fehlende Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit der Länder Europas wie Deutschland. Stattdessen wird eine Kolonialkontinuität betrieben. Interessant ist, dass seit dem Beginn der jetzigen Großen Koalition die Aufarbeitung der Deutschen Kolonialvergangenheit im Koalitionsvertrag steht. Diese Koalition geht langsam zu Ende, aber die Denkmäler und Straßennamen in vielen Städten, die die kolonialen Verbrecher und Mörder verherrlichen und weiterhin ehren, sind noch da.

Die Schädel und Gebeine der Opfer des deutschen Kolonialismus liegen noch immer im Keller der Berliner Charité und der Universitäten. Es ist uns allen bewusst, dass diese Schädel und Gebeine hierher für eine rassistische Forschung gebracht wurden, um die vermeintliche Überlegenheit der sog. „weiße Rasse“ darzustellen. Also wenn wir uns einig sind, dass dies ein Irrtum war, dann frage ich mich, was diese menschlichen Überreste dort immer noch zu suchen haben. Weiterhin liegen und stehen viele Raubgüter in den deutschen Museen, welche zurückgegeben werden müssen. All dies zeigt, dass wir es hier in Deutschland mit einer Kolonialkontinuität anstatt der Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit zu tun haben.

Diskriminierung bei der Wohnungssuche, Kontrollen der Polizei und Diskriminierung in der Arbeitswelt sind Diskriminierungserfahrungen, die häufig von schwarzen Menschen genannt werden. Was macht es mit einem Menschen, wenn er immer wieder mit Diskriminierung und Rassismus in diesen Lebensbereichen konfrontiert wird?

Ja, an vielen öffentlichen Orten oder in den Zügen werden wir, Schwarze Menschen, aufgefordert, unsere Pässe zu zeigen und wir erleben vielerlei Demütigungen im öffentlichen Leben. Bei der Wohnungssuche müssen sogar viele von Rassismus betroffene Menschen einen weißen Mentor haben und trotzdem scheitern sie spätestens bei der Besichtigung. Die Jugendlichen werden offensiv vor den Diskotüren abgewiesen, weil sie nicht als Teil des „WIR“ angesehen werden. All dies hat viele negative Wirkungen auf die Betroffenen wie zum Beispiel: Persönlichkeitsstörung, Ohnmacht, Wut, Angst, Zweifel, Rückzug, Entfremdung (Nicht zum „WIR“ dazugehören) und nicht zuletzt zu einer Radikalisierung. Hier muss ich klar sagen, dass wir – Menschen, die von Rassismus betroffen sind - diesen Zustand mit seinen negativen Wirkungen nicht mehr lange annehmen bzw. dulden werden. Mein Appell an jede*n Betroffene*n ist, Rassismus und Diskriminierung nicht anzunehmen, da wir als Teil der Bürger*innen nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte haben.

Kann es „positiven“ bzw. „netten“ Rassismus geben?

Die Antwort ist hier klipp und klar: NEIN! Rassismus ist Rassismus und diese Wortspielereien haben wir langsam satt.

* Red. Anmerkung: In Deutschland leben mehrere hunderttausend Schwarze Deutsche. Dabei handelt es sich nicht um die Beschreibung einer Hautfarbe, sondern um eine politische Selbstbezeichnung. Begriffe wie »Farbige« oder »Dunkelhäutige« lehnen viele ab. Die Initiative »der braune mob e.V.« schreibt: »Es geht nicht um »biologische« Eigenschaften, sondern gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten.« Um das deutlich zu machen, plädieren sie und andere dafür Schwarz groß zu schreiben; Aus: glossar.neuemedienmacher.de/glossar/schwarze-deutsche/

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