Hussein Jinah wurde 1958 auf einem britischen Dampfer, der aus Indien kam, kurz vor der Küste von Daressalam geboren. Er wuchs in Tansania und Südafrika auf, schloss in Indien die Schule ab und studierte dort Elektrotechnik. 1985 kam er als Gaststudent in die DDR, promovierte an der TU Dresden und wurde zudem Diplom-Sozialpädagoge und Diplom-Psychologe. Ab 1991 arbeitete er als Sozialarbeiter und Streetworker bei der Stadt Dresden, 2010 wurde er Personalrat. Sein ehrenamtliches Engagement reicht vom Vorstand der Bundes- und Landesmigrationsausschüsse von ver.di über die Mitgründung des Ausländerrats Dresden und den Vorsitz des Dresdener Integrations- und Ausländerbeirats sowie dem Vorsitz von Flüchtlings- und Migrantenorganisationen bis zur Tätigkeit als Schöffe und Gemeindedolmetscher.
Aktiv: Wie hat dein Leben in verschiedenen Ländern – von Tansania über Südafrika und Indien bis hin zur DDR und dem wiedervereinigten Deutschland – deine Sicht auf Identität, Zugehörigkeit und Fremdheit geprägt?
Hussein Jinah: Ich habe in fünf verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Gesellschaftsformen gelebt. Fast in allen fünf Gesellschaften habe ich Fremdheitsgefühl erlebt – in Indien, weil ich Moslem bin. Auch heute erlebe ich dieses Gefühl noch. Es zeigt sich in Form von Vorurteilen, Ausgrenzung oder dem Empfinden, nicht dazuzugehören. Das Zugehörigkeitsgefühl fand und finde ich zum großen Teil innerhalb meiner indischen Community, mit der ich ähnliche Werte und Interessen teile. Wenn es um Identität geht, spielen sowohl individuelle Erfahrungen – positive wie negative – als auch die gesellschaftlichen Zuschreibungen eine große Rolle. Gerade in den Gesellschaften, in denen ich gelebt habe und heute noch lebe, haben diese Erfahrungen meine „indische Identität“ besonders geprägt und gestärkt – damals wie heute.
In deinem Buch „Als Weltbürger zu Hause in Sachsen“ thematisierst du Rassismus und Vorurteile. Wie haben sich ihre Formen und Ausprägungen über die Jahre in Deutschland verändert?
Rassismus definierte ich am Anfang nach der Wiedervereinigung Deutschlands als offenen Rassismus, auch als eine Klassifizierung von Menschen in zwei Hauptgruppen – nämlich die „Deutschen“ und die „Ausländer“, um einen Ungleichheitsdiskurs ungefähr nach den damals geschaffenen gesetzlichen Grundlagen zu legitimieren. In der DDR, als ich dort lebte, existierten die gesetzlichen Gruppenbezeichnungen „Deutsche“ und „Ausländer“ ebenfalls. Durch die staatliche Überwachung blieb der Rassismus jedoch versteckt. Offener Rassismus existiert auch heute noch. Im Laufe der Jahre – trotz der Selbstbezeichnung Deutschlands als Einwanderungsland – äußert sich Rassismus in Form von Vorurteilen, kulturellen sowie religiösen Zuschreibungen, wie etwa beim Thema Kopftücher oder der vermeintlichen Herkunft. Aus meiner Sicht lassen sich die heutigen Formen und Ausprägungen von Rassismus folgendermaßen zusammenfassen: kulturelle und religiöse Stereotypen wie beispielsweise „der Islam“ oder „die Moslems“, struktureller und institutioneller Rassismus wie bei der Job- oder Wohnungssuche, stereotype Darstellungen in den Medien, zum Beispiel Verallgemeinerungen aufgrund der Herkunft sowie latenter oder versteckter Rassismus.
Hier in Deutschland anzukommen, ist für viele Menschen nicht einfach. Welche politischen Schritte hältst du für die wichtigsten, um Integration wirklich zu verbessern – und wie wichtig ist dabei ein Arbeitsplatz?
Integration bezeichne ich als die Herstellung von politischer und wirtschaftlicher Einheit zwischen Staaten oder Gruppen. Das Hauptziel dabei ist es, einen stabilen, friedlichen und gemeinschaftlichen Zusammenhalt in der Gesellschaft zu erreichen. Die wichtigsten Schritte sind dabei für mich der Spracherwerb als Schlüssel zur Integration und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Der Arbeitsplatz ist meiner Erfahrung nach einer der besten Orte für Integration. Er ermöglicht neben finanzieller Unabhängigkeit die Etablierung eines sozialen Status sowie die Entwicklung einer eigenen Identität, außerdem die kulturelle und sprachliche Entwicklung durch Kommunikation, eine berufliche Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben sowie eine Lebensstruktur, die die Verwurzelung in der gesellschaftlichen Realität schafft.
Welche Tipps würdest du Menschen geben, die neu in Deutschland sind?
- Einen Sprachkurs besuchen,
- soziale Kontakte knüpfen, indem man andere Menschen aktiv aufsucht, beispielsweise im Sportverein, am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft,
- an Seminaren, Tagungen und Veranstaltungen teilnehmen, zunächst als Zuhörer*in,
- Freundschaften aufbauen – das hilft auch bei der Freizeitgestaltung,
- Nachrichten auf Deutsch hören und Zeitungen auf Deutsch lesen sowie
- versuchen, Normen und Werte sowie kulturelle Eigenschaften und Gesetze, kennenzulernen – auch, worauf man achten sollte, um Konflikte zu vermeiden.
Wenn du an dein eigenes Leben zurückdenkst: Was waren Momente, in denen du das Gefühl hattest, wirklich etwas bewegen zu können?
Ich hatte immer das Gefühl und habe es noch, durch mein friedliches Engagement etwas in Bewegung gesetzt zu haben und zu setzen – sei es, Rassismus, Diskriminierung oder Gewalt zu beseitigen oder zumindest zu verringern, sowie Respekt, Gleichheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Meine Hauptvision ist, eine gerechte und humane Gesellschaft weltweit zu schaffen. Leider bleibt alles, was ich bewegen wollte und möchte, ein offenes Feld. Ich wünschte mir und wünsche, dass engagierte Menschen mir dabei zur Seite stehen, damit ich meine Vision realisieren kann.
Lesetipp: Hussein Jinah: Als Weltbürger zu Hause in Sachsen
www.mikrotext.de/book/hussein-jinah-als-weltbuerger-zu-hause-in-sachsen/
